Die Gerüchteküche brodelt, doch noch sind alles nur Vermutungen ohne Beweise. Wird im Leistungssport systematisch gedopt? Eine Wiener Firma steht unter Blutdoping-Verdacht.
Blutdoping schwerer nachweisbar
Blutdoping wird immer beliebter. Das ist auch verständlich aus der Sicht der Doper, denn schließlich ist Blutdoping, zumindest mit eigenem Blut, bisher nicht nachweisbar. Bereits seit den 70er Jahren wurde Blutdoping in Ausdauersportarten angewandt, erst als ab 1987 die Möglichkeit bestand, EPO synthetisch herzustellen, verlor es zunächst an Bedeutung. Im Jahre 2000 wurde jedoch ein EPO-Nachweisverfahren eingeführt, so dass die aufwändigere Handhabung des Blutdopings wieder vermehrt praktiziert wurde. Hinter vorgehaltener Hand legitimieren Manager, Trainer und Sportler schmutzige Tricks. "Wir sind doch nicht blöd, die anderen machen das auch." Dumm sei schließlich nicht der, der dopt, sondern der, der sich erwischen lässt... Aber öffentlich vertritt diese Meinung natürlich niemand.
"Kurier" enthüllt angebliches Blutdoping - Pound reagiert
Spekuliert wurde in Österreich bereits seit längerer Zeit, was die Blutdoping-Utensilien des Dopingskandals von Turin betraf. Doch im November legte der österreichische "Kurier" erstmals die Resultate monatelanger Recherche vor. Es wurde über ein nicht ganz sauberes Labor in Wien geschrieben. Zahlreiche (auch prominente) Athleten aus dem Ausdauerbereich seien regelmäßig (Sonntag, ab sechs Uhr morgens) aufgetaucht, um sich präparieren zu lassen, unter der Obhut bekannter Mediziner. Zunächst hielt sich das allgemeine Interesse in Österreich in Grenzen. Das änderte sich allerdings tags darauf, als der frühere Chef der Weltantidopingagentur (WADA), Richard Pound, sich einmischte: "Es bestehen gute Gründe zu glauben, dass diese Firma teilweise Athleten beim Blutdoping unterstützt hat." Inzwischen wird intensiv ermittelt, sowohl im Auftrag der WADA als auch der italienischen Justiz. Innenministerium, österreichische Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft sind auf der Suche nach Fakten. Das Problem: Es gibt weder Beweise noch Kronzeugen.
"Humanplasma" dementiert energisch
"Ich wollte ja wissen, ob wir die Scheiße picken haben – oder ein anderer. Und wir wissen jetzt: Innerhalb des ÖSV gibt es keine Doping-Strukturen. Aber eine Spur führt eben nach Wien." Peter Schröcksnadel ist von der österreichischen Unschuld überzeugt. Während er im Allgemeinen Blutdoping in Wien nicht auszuschließen scheint, dementiert der Geschäftsführer Dr. Lothar Baumgartner der beschuldigten Wiener Firma "Humanplasma" in einer Pressemeldung: "Unser Unternehmen stellt ausschließlich Plasma zur therapeutischen Anwendung und zur Herstellung von lebensrettenden Medikamenten sowie Thrombozyten-Konzentrate her. Diese Produkte dienen ausschließlich streng medizinisch indizierten Anwendungen wie der Behandlung von schwer chronisch kranken Patienten, von Unfallopfern und zu intensivmedizinischen Behandlungen. Nach allen mir bekannten medizinischen Informationen ist es im Übrigen auch völlig abwegig, solche Präparate in irgendeiner Form mit Leistungssteigerung in Verbindung zu bringen." Trotz der öffentlichen Dementi hat die Firma bislang jedoch noch keinerlei Anstalten gemacht, rechtliche Schritte gegen die Beschuldigungen einzuleiten. Doch ein Schuldeingeständnis? Außerdem: Die Firma besitzt ein Gerät, mit dem Einfrieren, Auftauen und längeres Lagern von Erythrozyten (roten Blutkörperchen) möglich ist. Wie Lothar Baumgartner behauptet, allerdings aus völlig anderen Gründen. Man habe es "vor vier oder fünf Jahren probeweise angeschafft, um einen Auftrag zur Versorgung von Spitälern der Stadt Wien zu bekommen". Daraus sei nichts geworden. "Ich habe nicht verfolgt, was danach mit dem Gerät geschehen ist, es wird ganz sicher nicht genützt", streitet der Geschäftsführer von "Humanplasma" alle Vorwürfe ab.
Indizien für Beteiligung an Turin-Skandal
Wenn es auch für die neuerlichen Blutdoping-Vorwürfe gegenüber "Humanplasma" keine Beweise gibt, zumindest für die Beteiligung am Dopingskandal gibt es Indizien. Denn 20 Spezialblutbeutel mit den gleichen Chargennummern wie jene, die im Quartier der ÖSV-Biathleten gefunden wurden, waren auch an die Wiener Firma geliefert worden. "Alle 20 Beutel wurden bei uns nach Tests weggeworfen und dann verbrannt", sagte Baumgartner. Daher sei es unmöglich, dass einer von ihnen in Turin gefunden worden sei. Der des Blutdopings überführte Biathlet Wolfgang Perner hatte sich geweigert, Aussagen über die Herkunft der benutzten Blutbeutel zu machen.
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Verbindung in die DDR und nach Russland?
Doch nicht nur Österreich steht momentan in der Schusslinie, Spuren führen auch nach Deutschland und Russland, denn "Humanplasma" betrieb Filialen in Chemnitz, Gera, Jena, Erfurt und Zwickau. "Das ergibt ein klares Bild. Lauter Doping-Zentren der ehemaligen DDR, also Kompetenz-Zentren", konstatierte auch der Heidelberger Molekularbiologe und Doping-Experte Werner Franke. Seiner Aussage nach habe Österreich eine Menge "DDR-Know-How" importiert. "Als man in den Olympia-Quartieren der ÖSV-Sportler UV-Lampen sicherstellte, bekam ich einen Lachanfall. So etwas wurde früher eigentlich nur bei Dynamo Berlin praktiziert." Auch Verbindungen nach Russland gäbe es, wie ein Privatdetektik herausfand, der die Wiener Firma unter die Lupe nahm. Möglich ist jedoch auch, dass sich Firmenmitarbeiter ohne Wissen von "Humanplasma" ein lukratives Nebengeschäft aufgebaut haben.
Blutdoping auch in Deutschland?
Deutsche Medien gehen inzwischen davon aus, dass auch deutsche Athleten immer wieder gerne nach Wien gereist sind, um sich einer Art Frischzellenkur zu unterziehen. Doch das mag der Deutsche Skiverband nicht glauben: "Wir haben keine Hinweise, die die Anschuldigungen verifizieren würden." Auch für die höchst erfolgreichen Biathletinnen will auf einmal keiner mehr die Hand ins Feuer legen. Die Reaktion ist natürlich helle Empörung. "Es gibt keine Sportart, die frei von Doping ist, aber vorstellen kann ich mir so was nicht", sagte Andrea Henkel am Rande des Ruhpoldinger Weltcups, "und ich finde es nicht gut, jetzt alle unter Generalverdacht zu stellen." Martina Glagow gab ihr Recht und erklärte: "Ich kenne keine Blutbank in Wien." Doch der im Mai zurückgetretene Sven Fischer gab zu bedenken: "Biathlon war nie skandalfrei." Das ist natürlich wahr, denn auch im Biathlon wurden in den vergangenen Jahren bereits Dopingfälle bekannt wie zum Beispiel Olga Pyleva, die des Carphedon-Dopings überführt wurde.
Auch russische Biathleten im Fokus
Was den aktuellen Kader der Russen betrifft, gibt es zwar keinerlei Beweise für Blutdoping, alles ist reine Spekulation. Dennoch fallen gerade im russischen Team einige Unregelmäßigkeiten auf, die auf Doping hindeuten könnten. Aktuellster Fall ist Ivan Tcherezov, der kurz vor Weihnachten wegen eines zu hohen Hämoglobin-Wertes eine Schutzsperre auferlegt bekam. Ein überhöhter Hb-Wert kann - muss aber nicht - ein Hinweis auf Blutdoping sein. Es gibt jedoch auch natürliche Ursachen. Aufgrund der akuten Gesundheitsgefährdung im Zusammenspiel von zu dickem Blut und körperlicher Anstrengung wird dem betreffenden Athleten ein fünftägiges Wettkampfverbot erteilt. Überraschung und Bestürzung machte sich beim Bekanntwerden der Schutzsperre im russischen Team breit. Man habe doch selbst getestet, hieß es, der Wert sei nicht zu hoch gewesen. Ein Umstand, der auch anderen Aktiven zu denken gibt. "Die Russen messen täglich vor den Wettkämpfen ihre Hämoglobinwerte, da geht was nicht mit rechten Dingen zu", sagte ein Topathlet, der um den Ruf der Branche fürchtet, gegenüber der "Welt". "Wenn sie die erwischen, dann stehen wir alle unter Generalverdacht." Weitere Gerüchte nahmen ihren Lauf, als in Oberhof Svetlana Sleptsova kurzfristig wegen einer Erkrankung aus der Startliste gestrichen wurde - denn tags zuvor "hatte die Sprintzweite noch munter mit Journalisten geplaudert". Drei Tage später beim nächsten Rennen war die Junioren-Weltmeisterin wieder fit wie eh und je. Auch Nikolay Kruglov wurde in Ruhpolding kurzfristig wegen einer plötzlichen Krankheit aus der Startliste gestrichen - Zufall, Doping-Indiz oder Grippe-Welle? Albina Akhatova ist ein weiterer Fall, der zum Nachdenken anregt. Bereits 2003 geriet sie kurzzeitig unter Dopingverdacht, eine Strafe folgte nicht. Nun startete sie ihr Comeback nach ihrer Babypause, ihren ersten Einsatz musste sie wenigen ständiger Krankheiten jedoch immer wieder kurzfristig absagen. Vor einem Jahr ereilte dasselbe Schicksal wie nun Tcherezov auch Sergei Rozhkov, bei dem ein zu hoher Wert festgestellt wurde, was ebenfalls zu einer Schutzsperre führte. Um solche Unregelmäßigkeiten zu verhindern, plant die Internationale Biathlon Union die Einführung von individuellen Blutprofilen, was auch Athletensprecher Ole Einar Bjørndalen befürwortet: "Es wird immer schwarze Schafe geben – in jeder Sportart. Ich finde die Abschaffung der Hämoglobin-Grenzwerte sinnvoll, denn ein Grenzwert und eine etwaige Schutzsperre haben doch wenig Aussagekraft."
Zitatquellen: Kurier, Welt, OÖN, Die Presse, Der Standart, tirol.com, Kleine Zeitung, FAZ, ksta