Im Gespräch mit Michela Ponza: "Wir hängen alle in der Luft"
Luis Mahlknecht am 07.05.2009 - 11:45 Uhr
Kurz vor ihrer Abreise in den verdienten Urlaub nach Ägypten trafen wir Biathletin Michela Ponza aus Italien und konnten mit ihr ein wenig über verschiedene Aspekte ihres Sportlerlebens plaudern.
Michela, Gratulation zum Podestplatz in Khanty-Mansiysk und allgemein zum guten Saisonsabschluss.
Michela Ponza: "Danke, denn es war der schönste Moment in einer Saison, die ansonsten recht schwierig für mich verlaufen ist."
Warum eigentlich eine schwierige Saison?
Michela Ponza: "Ich bin den ganzen Winter meiner Form hinterhergelaufen. Erst in der letzten Woche hat es dann geklappt. Besser spät denn nie. Aber meine Fußschmerzen haben mich dauernd geplagt, das Lauftraining im vergangenen Sommer hat mir sehr gefehlt. Ich hatte gedacht, dass es nicht so schlimm ist, dass die Form im Jänner da sein wird, aber weit gefehlt! Als es dann auch in Oberhof nicht lief, war ich moralisch stark angeschlagen. Ich war gezwungen, gut zu schießen, um einigermaßen mithalten zu können. Mit Fehlern wäre ich ohnehin im absolut anonymen Feld gelandet. Das war mental eine große Belastung, aber ich habe nie aufgegeben, und am Schluss kam noch dieses gute Ergebnis, das mir viel bedeutete, denn so weiß ich, dass ich es nicht total verlernt habe."
Kannst Du dieses erfolgreiche Rennen in Khanty-Mansiysk kurz schildern?
Michela Ponza: "Also, im Vorfeld fühlte ich mich echt miserabel. Trondheim war mit seinem nassen, tiefen Schnee für mich der Horror gewesen. Als wir in Sibirien ankamen, habe ich erst einmal zwei Tage komplett gerastet. Ich habe da Energien aufgetankt, und plötzlich klappte es."
Nach dem letzten Schießen hast Du als Zweite den Schießstand verlassen, dicht gefolgt von der Französin Marie Dorin. Was ging Dir da durch den Kopf?
Michela Ponza: "Ich wusste, dass Magdalena Neuner vorne war, doch ich hatte neben Dorin auch die Ukrainerin Vita Semerenko im Nacken. Aber ich wollte auf keinen Fall Vierte werden. So habe ich die Zähne zusammengebissen, habe alles gegeben, und es ist Platz zwei geblieben."
Schade eigentlich, dass dann die Saison zu Ende war.
Michela Ponza: "Nein, mein Kopf war so müde. Nach dem Massenstart ist mir wie ein Stein vom Herzen gefallen. Ich brauchte eine Pause, musste abschalten, und das mache ich derzeit."
Doch ganz zu Ende war die Saison ja noch nicht. Du bist noch zu einem Einladungsrennen gewissermaßen ans Ende der Welt gefahren.
Michela Ponza: "Ausgerechnet nach meinem zweiten Platz im Jagdrennen von Khanty-Mansiysk sprachen mich die Russen an und luden mich ein. Meine erste Reaktion war ein krasses Nein, aber mit einigen herrlichen Ansichten dieser vulkanischen Halbinsel und dem Gefühl, dass dies eine einmalige Chance sei, habe ich zugesagt."
Du bereust also nicht, nach Petropawlowsk Kamtschatka gereist zu sein?
Michela Ponza: "Es war wie ein Urlaub. Gut, es gab das Rennen, aber in den drei Tagen Aufenthalt konnten wir doch auch einiges sehen. Allein die Landung in dieser Stadt, die am Meer liegt und einen riesigen Hafen hat, dahinter die Vulkane – das war schon ein unvergessliches Schauspiel. Interessant ist auch zu sehen, wie die Menschen da leben. Die Straßen sind voll mit Löchern, wenn man da zu flott unterwegs ist, geht jedes Auto garantiert kaputt. Nach dem Rennen konnten wir noch zu einer Heißwasserquelle fahren und in den dortigen Thermen baden. Und nachdem es sicher nicht so einfach sein wird, noch einmal dorthin zu kommen, war es für mich eine tolle Erfahrung, von der ich mir schöne Erinnerungen mitbringe."
Aber anscheinend wollen ja die Menschen auf Kamtschatka auch größere Biathlon-Veranstaltungen organisieren.
Michela Ponza: "Sie möchten die WM 2016, das wurde uns gesagt. Sie haben auch große Investoren da, versuchen auch, den Fremdenverkehr zu forcieren. Aber da vergeht noch einige Zeit."
Schauen wir dann einmal nicht so fern in die Zukunft. Was bringt denn die unmittelbare Zukunft für Michela Ponza?
Michela Ponza: "Zur Zeit denke ich einmal gar nicht an den Biathlonsport. Sicherlich – die nächste Saison birgt Olympia in sich. Das ist ein großes Ziel, dann sehen wir weiter."
Dabei wird es im Betreuerstab bei den Italienern einige Neuerungen geben.
Michela Ponza: "Ja, es wurde nochmals turbulent, wie eigentlich schon so oft bei uns. Aber vor dem Olympiajahr hatte ich mir das nicht erwartet, gerade jetzt, zumal es seit einiger Zeit recht gut lief. Aber die FISI-Verantwortlichen haben dies wohl anders gesehen und wollten den Wechsel. Viele verstehen das nicht, aber Tatsache ist, dass unser Chef Paolo Riva entlassen wurde. Nun wissen wir nicht, wer zum Nachfolger bestellt wird, wir hängen alle in der Luft."
Armin Auchentaller ist ja zu den Amerikanern abgewandert...
Michela Ponza: "Schade. Er hätte mit seinen vielen Ideen der Mannschaft sehr viel noch geben können. Und er war auch menschlich ein toller Trainer. Ich hoffe nur, dass jetzt nicht der gesamte Betreuerstab auseinanderfällt. Wir haben nicht viele fähige Leute in Italien, die sollten wir halten. Wenn wir diese ziehen lassen, was dann? In der FISI-Schaltzentrale meint man, man könnte ja auch im Ausland Leute suchen, aber damit macht man es sich zu einfach. Trainer sind nicht wie Schachfiguren, die man beliebig hin und her verschieben kann. Es müssen viele andere Komponenten betrachtet werden."
Trotzdem denkst Du sicher schon an Olympia 2010.
Michela Ponza: "Sicher. Ein Olympiajahr ist immer ein besonderes Jahr. Zwar sind die Rennen die selben, die Scheiben auch, aber die Atmosphäre ist ganz anders, und bei jedem Training denkt man nur an dieses Ereignis."
Bei den vorolympischen Wettkämpfen hatte man als TV-Zuseher den Eindruck, dass die Strecken in Vancouver (Whistler) relativ einfach waren.
Michela Ponza: "Es ist fürwahr keine allzu schwierige Strecke, aber sie gefällt mir. Sie ähnelt stark Antholz, hat viel Variation, keine langen Anstiege. Es wird sich bis 2010 zwar noch etwas verändern, ich lass mich überraschen."
Sicher möchten einige Fans im kommenden Winter vor Ort sein, wenn die Olympiamedaillen vergeben werden. Aber dazu wird es wohl eine dicke Brieftasche brauchen...
Michela Ponza: "Abgesehen davon glaube ich, dass die Unterkünfte nicht so leicht zu haben werden. In Whistler ist angeblich schon alles reserviert, so müssten Fans in der Stadt Vancouver selbst logieren. Und das ist dann doch ziemlich weit weg."
Ob vor Ort oder zu nächtlicher Stunde zu Hause vor dem Fernseher – die Fans werden sicherlich fleißig Daumen drücken!
Vielen Dank für das Gespräch und einen schönen Sommer!
Michela, Gratulation zum Podestplatz in Khanty-Mansiysk und allgemein zum guten Saisonsabschluss.
Michela Ponza: "Danke, denn es war der schönste Moment in einer Saison, die ansonsten recht schwierig für mich verlaufen ist."
Warum eigentlich eine schwierige Saison?
Michela Ponza: "Ich bin den ganzen Winter meiner Form hinterhergelaufen. Erst in der letzten Woche hat es dann geklappt. Besser spät denn nie. Aber meine Fußschmerzen haben mich dauernd geplagt, das Lauftraining im vergangenen Sommer hat mir sehr gefehlt. Ich hatte gedacht, dass es nicht so schlimm ist, dass die Form im Jänner da sein wird, aber weit gefehlt! Als es dann auch in Oberhof nicht lief, war ich moralisch stark angeschlagen. Ich war gezwungen, gut zu schießen, um einigermaßen mithalten zu können. Mit Fehlern wäre ich ohnehin im absolut anonymen Feld gelandet. Das war mental eine große Belastung, aber ich habe nie aufgegeben, und am Schluss kam noch dieses gute Ergebnis, das mir viel bedeutete, denn so weiß ich, dass ich es nicht total verlernt habe."
Kannst Du dieses erfolgreiche Rennen in Khanty-Mansiysk kurz schildern?
Michela Ponza: "Also, im Vorfeld fühlte ich mich echt miserabel. Trondheim war mit seinem nassen, tiefen Schnee für mich der Horror gewesen. Als wir in Sibirien ankamen, habe ich erst einmal zwei Tage komplett gerastet. Ich habe da Energien aufgetankt, und plötzlich klappte es."
Nach dem letzten Schießen hast Du als Zweite den Schießstand verlassen, dicht gefolgt von der Französin Marie Dorin. Was ging Dir da durch den Kopf?
Michela Ponza: "Ich wusste, dass Magdalena Neuner vorne war, doch ich hatte neben Dorin auch die Ukrainerin Vita Semerenko im Nacken. Aber ich wollte auf keinen Fall Vierte werden. So habe ich die Zähne zusammengebissen, habe alles gegeben, und es ist Platz zwei geblieben."
Schade eigentlich, dass dann die Saison zu Ende war.
Michela Ponza: "Nein, mein Kopf war so müde. Nach dem Massenstart ist mir wie ein Stein vom Herzen gefallen. Ich brauchte eine Pause, musste abschalten, und das mache ich derzeit."
Doch ganz zu Ende war die Saison ja noch nicht. Du bist noch zu einem Einladungsrennen gewissermaßen ans Ende der Welt gefahren.
Michela Ponza: "Ausgerechnet nach meinem zweiten Platz im Jagdrennen von Khanty-Mansiysk sprachen mich die Russen an und luden mich ein. Meine erste Reaktion war ein krasses Nein, aber mit einigen herrlichen Ansichten dieser vulkanischen Halbinsel und dem Gefühl, dass dies eine einmalige Chance sei, habe ich zugesagt."
Du bereust also nicht, nach Petropawlowsk Kamtschatka gereist zu sein?
Michela Ponza: "Es war wie ein Urlaub. Gut, es gab das Rennen, aber in den drei Tagen Aufenthalt konnten wir doch auch einiges sehen. Allein die Landung in dieser Stadt, die am Meer liegt und einen riesigen Hafen hat, dahinter die Vulkane – das war schon ein unvergessliches Schauspiel. Interessant ist auch zu sehen, wie die Menschen da leben. Die Straßen sind voll mit Löchern, wenn man da zu flott unterwegs ist, geht jedes Auto garantiert kaputt. Nach dem Rennen konnten wir noch zu einer Heißwasserquelle fahren und in den dortigen Thermen baden. Und nachdem es sicher nicht so einfach sein wird, noch einmal dorthin zu kommen, war es für mich eine tolle Erfahrung, von der ich mir schöne Erinnerungen mitbringe."
Aber anscheinend wollen ja die Menschen auf Kamtschatka auch größere Biathlon-Veranstaltungen organisieren.
Michela Ponza: "Sie möchten die WM 2016, das wurde uns gesagt. Sie haben auch große Investoren da, versuchen auch, den Fremdenverkehr zu forcieren. Aber da vergeht noch einige Zeit."
Schauen wir dann einmal nicht so fern in die Zukunft. Was bringt denn die unmittelbare Zukunft für Michela Ponza?
Michela Ponza: "Zur Zeit denke ich einmal gar nicht an den Biathlonsport. Sicherlich – die nächste Saison birgt Olympia in sich. Das ist ein großes Ziel, dann sehen wir weiter."
Dabei wird es im Betreuerstab bei den Italienern einige Neuerungen geben.
Michela Ponza: "Ja, es wurde nochmals turbulent, wie eigentlich schon so oft bei uns. Aber vor dem Olympiajahr hatte ich mir das nicht erwartet, gerade jetzt, zumal es seit einiger Zeit recht gut lief. Aber die FISI-Verantwortlichen haben dies wohl anders gesehen und wollten den Wechsel. Viele verstehen das nicht, aber Tatsache ist, dass unser Chef Paolo Riva entlassen wurde. Nun wissen wir nicht, wer zum Nachfolger bestellt wird, wir hängen alle in der Luft."
Armin Auchentaller ist ja zu den Amerikanern abgewandert...
Michela Ponza: "Schade. Er hätte mit seinen vielen Ideen der Mannschaft sehr viel noch geben können. Und er war auch menschlich ein toller Trainer. Ich hoffe nur, dass jetzt nicht der gesamte Betreuerstab auseinanderfällt. Wir haben nicht viele fähige Leute in Italien, die sollten wir halten. Wenn wir diese ziehen lassen, was dann? In der FISI-Schaltzentrale meint man, man könnte ja auch im Ausland Leute suchen, aber damit macht man es sich zu einfach. Trainer sind nicht wie Schachfiguren, die man beliebig hin und her verschieben kann. Es müssen viele andere Komponenten betrachtet werden."
Trotzdem denkst Du sicher schon an Olympia 2010.
Michela Ponza: "Sicher. Ein Olympiajahr ist immer ein besonderes Jahr. Zwar sind die Rennen die selben, die Scheiben auch, aber die Atmosphäre ist ganz anders, und bei jedem Training denkt man nur an dieses Ereignis."
Bei den vorolympischen Wettkämpfen hatte man als TV-Zuseher den Eindruck, dass die Strecken in Vancouver (Whistler) relativ einfach waren.
Michela Ponza: "Es ist fürwahr keine allzu schwierige Strecke, aber sie gefällt mir. Sie ähnelt stark Antholz, hat viel Variation, keine langen Anstiege. Es wird sich bis 2010 zwar noch etwas verändern, ich lass mich überraschen."
Sicher möchten einige Fans im kommenden Winter vor Ort sein, wenn die Olympiamedaillen vergeben werden. Aber dazu wird es wohl eine dicke Brieftasche brauchen...
Michela Ponza: "Abgesehen davon glaube ich, dass die Unterkünfte nicht so leicht zu haben werden. In Whistler ist angeblich schon alles reserviert, so müssten Fans in der Stadt Vancouver selbst logieren. Und das ist dann doch ziemlich weit weg."
Ob vor Ort oder zu nächtlicher Stunde zu Hause vor dem Fernseher – die Fans werden sicherlich fleißig Daumen drücken!
Vielen Dank für das Gespräch und einen schönen Sommer!
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